Manchmal entsteht Klarheit nicht durch Nachdenken, sondern durch Tun
Ein Essay aus dem künstlerischen Denkraum
Langsamkeit ist kein Zögern
Oft beginne ich ein Bild mit einer Idee im Kopf. Mit einem Gefühl, einer Stimmung, mit etwas, das sich leise meldet und nach Ausdruck sucht. Manchmal ist da ein Thema, manchmal nur ein inneres Ziehen, ein vages „Da ist etwas“, das noch keine Worte hat.
Und manchmal ist gar nichts davon da. Kein klarer Gedanke, kein fertiges Bild, kein Plan. Nur eine leere Leinwand. Und trotzdem beginne ich ohne zu wissen, wohin es führt. Da ist Material. Masse. Erde. Steine. Da ist die Farbe. Die Bewegung. Und der Moment, in dem der Kopf sofort aufspringen will: planen, abwägen, „richtig“ anfangen. Alles kontrollieren, alles absichern.
In solchen Momenten entscheide ich mich immer öfter für etwas anderes.
Ich rühre erstmal die Masse. Ich trage sie auf. Ich streiche sie über die Leinwand, bis sie überall sitzt. Es ist ein bisschen mühsam, ja – und genau darin liegt etwas Wertvolles: Während die Hand arbeitet, wird der Blick ruhiger. Linien tauchen auf, die ich vorher nicht gesucht habe. Muster entstehen, weil ich sie zulasse. Und plötzlich ist da nicht mehr dieses „Was soll das werden?“, sondern ein leises „Ah. So fühlt sich das an.“
Wenn ich mir Zeit lasse, fangen Farben an zu antworten. Strukturen zeigen, was sie brauchen. Entscheidungen werden nicht lauter – sondern sicherer. Ich drehe die Leinwand, schaue nochmal, nehme eine Nuance mehr ins Braun, lasse etwas laufen, helfe ein bisschen nach – und plötzlich wird aus „irgendeiner Farbe“ genau der Ton, den ich sehen wollte.
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Langsamkeit als innere Klarheit
Es gibt diesen Moment, den viele kennen: Man möchte, dass etwas endlich Form annimmt. Dass ein Gefühl klar wird. Dass eine Idee sich entscheidet. Dass ein Weg sichtbar wird. Möglichst schnell. Möglichst eindeutig.
Wir leben in einer Zeit, in der Tempo oft mit Bedeutung verwechselt wird. Wer viel zu tun hat, wirkt wichtig. Wer ruhig arbeitet, scheint manchmal, als würde er sich treiben lassen. Und dieser Gedanke schleicht sich leise auch in unsere eigenen Prozesse.
Beim Malen begegne ich ihm immer wieder. In diesem inneren Satz, der ganz unspektakulär auftaucht: „Mach weiter. Werde fertig. Entscheide dich.“ Wie eine Gewohnheit, die wir gelernt haben.
Und genau hier wird das Malen für mich zu einem Spiegel. Für Arbeit. Für Alltag. Für all die Situationen, in denen wir glauben, sofort wissen zu müssen, wie etwas wird – statt ihm Zeit zu lassen, sich zu entfalten.
Wenn ich langsamer werde, entsteht etwas anderes: Präsenz. Wahrnehmung. Ein feines Gespür dafür, wann etwas stimmig ist und wann noch nicht. Entscheidungen fühlen sich dann nicht erzwungen an, sondern gewachsen.
Irgendwann merke ich: Es geht hier gar nicht in erster Linie um Technik. Es geht um Vertrauen. Um das Vertrauen, dass sich etwas zeigt, wenn ich bleibe. Wenn ich nicht hetze. Wenn ich nicht sofort bewerte. Und zwar, nicht als Idee im Kopf, sondern als etwas, das ich im Körper spüre – im Tun und auch im Dranbleiben.
– Petra Thölken
💛 Teile diesen Denkraum – vielleicht ist er genau der kleine Schubs, den jemand heute braucht.
Ich kenne und verfolge dich von Anfang an.Ich liebe es dir zuzuhören und zu sehen wie du malst.
Ich habe mit dem malen angefangen um was schönes zu machen.Mich hat schon immer malen interessiert.Leider habe ich noch nicht meine eigenen Bilder zu malen.Ich brauche immer Ideen und Versuche die dann umzusetzen.Ich hätte so gerne meinen eigenen Stiel.
Liebe Grüße Susanne
Hi Petra ,du hast es wieder geschafft meine Gedanken zu Erden 😁
Der Newsletter hat so viel Aussage Kraft. Ich wusste gar nicht ,daß du ein Fan von Yoko Ono bist ? Deine Interpretation ihrer Kunst hat mich fasziniert. Du machst Kunst einfach greifbar und verständlich,ich kenne keinen Menschen der Kunst und Gefühle so toll in Worte fassen kann wie du. Man fühlt was du schreibst. 🫂
In der Ruhe liegt die Kraft! Geduld und ausprobieren ohne Zeitdruck bringen die schönsten Ergebnisse hervor.
Wir sehen uns morgen im Chat. LG Bia PS: danke für deine Persönliche Mail,daß bedeutet mir sehr viel ! 🫂🌹❤️
Liebe Petra, hast du das für mich geschrieben? Es trifft so genau meine Seele. Ich bin getrieben und treibe mich – oft in Angst oder Sorge um andere – nach außen hin wirke ich meistens sehr geduldig und nicht gestresst. Es ist auch nicht wirklich Stress, den ich empfinde, sondern vielleicht eher mein Sinn meines Lebens etwas Gutes tun zu wollen.
Aber ich will mir eingestehen, dass es etwas Gutes ist, im Hier und Jetzt zu sein, in mich hinein hören zu können und zu gestalten.
Da hilft mir oft mein Meditieren und so eine starke Orientierung und das große Wohlwollen, Inspiration und der Glaube an sich selbst, was du mir durch deine Bilder, Videos und Artikel rüberbringst.
Dafür möchte ich dir ganz herzlich danken. Du gibst mir so viel: vom „es muss" oder „es sollte" ins „es kann" und „es darf" überzuwechseln….und es ist eine Freude deine Artikel zu lesen und dir bei deinem künstlerischen Tun zuzuseen.
Viel Dank von Gudrun aus Krefeld
Oh, wie toll ist das. Ich habe gerade den Newsletter über Yoko Ono gelesen. Der war so motivierend und plötzlich habe ich Kunst anders betrachten können. Ich bin noch aus der Zeit und kann mich gut daran erinnern und auch an meine Gedanken, wenn ich male… Danke dir! Wäre der Newsletter Artikel auch was für hier? Nur so ein spontaner Gedanke. Freu mich auf morgen, 9 Uhr, bis dahin. Viele Grüße Ute
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