
Malen ist keine Nebensache
Ein Essay aus dem Künstlerischen Denkraum
Malen wird oft als Hobby, Therapie oder Kunstmarkt gelesen. Doch vielleicht ist es noch etwas anderes: ein Denkraum, in dem der Mensch sich selbst und der Welt wieder anders begegnet.
Es gibt Tätigkeiten, die im Erwachsenenleben sofort verständlich sind.
Wer arbeitet, arbeitet. Wer Sport macht, tut etwas für sich. Wer erschöpft ist, darf heute sagen, dass es zu viel war. Beim Malen ist das oft seltsam anders.
Obwohl so viele Menschen eine tiefe Sehnsucht danach haben, wirkt es schnell, als müsste man sich dafür erklären. Sobald ein Erwachsener sagt, dass er malt, steht fast unmerklich schon die nächste Frage im Raum: wie genau, wofür, mit welchem Ziel?
Vielleicht beginnt genau dort das Missverständnis. Denn Malen scheint in unserer Gesellschaft selten einfach als das dazustehen, was es auch sein kann: etwas Eigenes, Ernstes, Menschliches.
Malen hat in unserer Kultur zwar einen Ort, aber oft keinen, der dem entspricht, was es für viele Menschen wirklich ist. Es wird bewundert, belächelt oder therapeutisch eingerahmt. Es wird entweder als etwas Besonderes überhöht, als unwichtig abgetan oder nur dann ernst genommen, wenn es einem bestimmten Zweck dient.
Was selten geschieht, ist dies: dass man es als etwas Grundsätzliches betrachtet. Nicht als Ausnahme, nicht als Luxus, nicht als Reparaturmaßnahme, sondern als eine Weise, Mensch zu sein. Als eine Praxis, in der etwas in Bewegung kommt, das sich weder auf Marktwert noch auf Freizeit noch auf Heilung reduzieren lässt.
Drei gängige Sichtweisen auf Malen – und ein vierter Raum:
1. Macht, Markt und Anerkennung
2. Hobby und Dekoration
3. Therapie und Reparatur
4. Denkraum
Malen wird in unserer Gesellschaft meist nicht vom Menschen im Prozess her gedacht, sondern von den Kategorien, durch die wir es lesen. Drei solcher Ordnungen prägen den Blick bis heute besonders stark. Erst vor ihrem Hintergrund wird sichtbar, warum ein vierter Raum so notwendig ist.

1. Malen als Macht, Markt und Anerkennung
Die erste Schublade ist die von Macht, Markt und Anerkennung. Hier wird Malen vor allem dann ernst genommen, wenn es Rang hat, wenn es im richtigen Kontext erscheint, institutionell bestätigt ist, gesammelt, verkauft oder kulturell aufgewertet wird. Historisch reicht diese Logik weit zurück: von der Kunst im Dienst von Kirche und Herrschaft bis hin zum heutigen Kunstmarkt, in dem Werke nicht nur betrachtet, sondern auch bewertet, gehandelt und besessen werden.
Dagegen ist nichts einzuwenden. Natürlich gibt es Kunst, die in diesen Räumen entsteht, und natürlich hat sie ihr Recht, ihre Kraft und ihre Bedeutung. Problematisch wird es dort, wo aus dieser einen Form stillschweigend die Norm für alles andere wird. Denn anerkannt wird in diesem Modell oft nicht zuerst das Malen selbst, nicht der menschliche Prozess, nicht die Ausdruckskraft, nicht die Erfahrung, sondern das, was ihm Rang verleiht: Auftrag, Institution, Preis, Besitz, kulturelles Prestige.
Dieses Modell macht Kunst groß, aber den Menschen oft klein. Malen erscheint dann weniger als menschliche Ausdruckspraxis, sondern als etwas, das durch äußere Legitimation Bedeutung bekommt. Das hat Folgen für den Blick auf das eigene Tun. Wer sich an diesem Maßstab orientiert, misst sich schnell an Kriterien, die außerhalb des eigenen Prozesses liegen. So entsteht leicht der Eindruck, dass künstlerischer Ausdruck erst dann wirklich zählt, wenn er in den großen Raum der Anerkennung hineinpasst.

2. Malen als Hobby und Dekoration
Die zweite Schublade wirkt freundlicher. Hier darf gemalt werden, solange es nicht zu wichtig wird. Solange es nett bleibt, privat, ein bisschen kreativ, ein bisschen Ausgleich, am besten hübsch genug, um an der Wand zu landen oder wenigstens niemanden zu irritieren. Das ist die Welt des Hobbys, und sie hat durchaus etwas Tröstliches. Denn im Hobby liegt auch Freiheit, Eigenzeit und die Möglichkeit, etwas zu tun, das nicht sofort verwertet werden muss.
Und doch schwingt in diesem Wort so oft eine Verkleinerung mit. „Ich male auch ein bisschen“ – als müsse man vorsichtshalber dazusagen, dass hier nichts Großes gemeint ist. Als wäre das, was nicht verkauft, ausgestellt oder kunsthistorisch eingeordnet wird, automatisch weniger bedeutsam. Dabei geschieht gerade in diesem vermeintlich kleinen Raum oft etwas sehr Großes. Ein Mensch schafft sich einen Bereich, in dem er selbst entscheiden, verwerfen, anfangen, übermalen und neu sehen kann. Einen Bereich, in dem nicht sofort andere Regeln gelten als die der eigenen Wahrnehmung.
Das Hobby-Modell erlaubt Malen, aber oft nur in verkleinerter Form. Es lässt es zu, ohne ihm wirklich Gewicht zu geben.

3. Malen als Therapie und Reparatur
Die dritte Schublade meint es gut und zeigt gerade dadurch, wie eng unser Denken geworden ist. Hier bekommt Malen Bedeutung, wenn es heilt, entlastet, stabilisiert oder begleitet. Dann darf es wirken, weil es hilft. Dann bekommt es eine verständliche Aufgabe. Auch das hat seine Berechtigung. Natürlich kann Malen ordnen, beruhigen, öffnen und auffangen. Natürlich kann kreatives Tun dem Menschen guttun.
Und doch bleibt ein leiser Schmerz in dieser Einordnung. Denn sie bedeutet oft: Malen wird erst dann ganz ernst genommen, wenn bereits etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist. Als bräuchte es eine Krise, damit Farbe, Form und freies Gestalten legitim werden. Als dürfte man sich den Pinsel erst dann wirklich erlauben, wenn man vorher schon erschöpft genug, belastet genug oder verletzt genug war.
Das Reparaturmodell nimmt Malen ernst, aber häufig nur unter dem Vorzeichen eines Mangels.

4. Malen als Denkraum
Und genau hier öffnet sich für mich ein vierter Raum. Nicht als Gegenwelt, nicht als theoretische Übung, sondern als etwas, das in der Praxis spürbar wird, sobald ein Mensch wirklich beginnt. Malen ist mehr als Macht, Markt, Freizeit oder Heilhilfe. Es ist ein Denkraum. Ein Raum, in dem sich Wahrnehmung, Selbstwirksamkeit, Spiel, Aufmerksamkeit und innere Bewegung begegnen. Ein Raum, in dem ein Mensch nicht funktionieren, nichts beweisen und nicht einmal schon wissen muss, was am Ende entstehen soll. Er darf in Beziehung treten. Zur Farbe. Zum Material. Zur Fläche. Zum Widerstand. Zur eigenen Unsicherheit. Zum eigenen Impuls. Das ist es, was mich am Malen interessiert: nicht zuerst das Bild als Ergebnis, sondern der Mensch im Prozess.
Denn Malen beginnt nicht erst dort, wo etwas Vorzeigbares entsteht. Es beginnt oft viel früher, an einer stillen Stelle, die kaum jemand von außen sieht. Es beginnt beim ersten Mischen. Beim Zögern vor einer Farbe. Beim Staunen darüber, wie etwas ineinanderläuft. Beim Augenblick, in dem eine Spur auf einmal antwortet. Beim Gefühl, dass da etwas geschieht, ohne dass man es gleich erklären muss. Gerade in diesen Momenten verändert sich oft schon etwas. Nicht laut, nicht spektakulär, nicht mit Pathos, sondern leise und deutlich. Der Blick wird ruhiger. Die Hand wird wacher. Die Gedanken treten einen Schritt zurück. Man ist nicht mehr nur im Kopf, nicht mehr nur im Erledigen, nicht mehr nur in der Frage, ob etwas richtig oder falsch ist. Man ist in Kontakt.
Vielleicht ist genau das einer der Gründe, warum Malen heute für so viele Menschen eine solche Anziehung hat. Nicht, weil alle Künstlerinnen werden wollen. Nicht, weil jede Leinwand nach Öffentlichkeit verlangt. Sondern weil im Malen etwas wieder spürbar wird, das im Alltag leicht verloren geht. Die Erfahrung, dass ich etwas in Bewegung bringen kann. Dass ich reagiere und nicht nur funktioniere. Dass ich sehe, was ich tue, und tue, was ich sehe. Diese Form von Selbstwirksamkeit ist still, aber sie ist kraftvoll. Sie besteht nicht darin, alles zu kontrollieren. Eher darin, dabeizubleiben, während etwas entsteht, und zu merken: Ich kann anfangen. Ich kann weitermachen. Ich kann schauen, was die nächste Entscheidung mit sich bringt, ohne mich sofort abzuwerten.
Und manchmal zeigt sich darin noch mehr. Während Farbe, Material und Bewegung miteinander in Beziehung treten, taucht auch in uns etwas auf. Gedanken, die vorher keinen Platz hatten. Ängste, die sich zeigen. Erinnerungen, die plötzlich nah werden. Manchmal sogar Lösungen, die nicht durch Grübeln entstanden sind, sondern eher wie gefunden wirken. Als hätte das Tun einen Raum geöffnet, in dem etwas antworten darf, das im Alltag leicht überhört wird. Vielleicht ist genau das einer der stillen Gründe, warum Malen so tief berühren kann: weil wir darin nicht nur etwas ausdrücken, sondern uns selbst auf eine andere Weise begegnen.

Dazu kommt noch etwas, das im Erwachsenenleben oft in den Hintergrund gerückt ist und doch zum Menschsein gehört: das freie, zweckentlastete Spiel. Nicht gemeint sind die Formen von Spielen, die heute oft von Wettbewerb, Reizüberflutung oder Sucht geprägt sind, sondern jenes offene Erproben, bei dem etwas seinen Sinn schon im Tun trägt.
Im Malen darf geschoben, gemischt, verworfen, überlagert und ausprobiert werden. Fehler verlieren ihre Schwere. Möglichkeiten treten an die Stelle von Festlegungen. Man muss nicht sofort wissen, was es wird. Man darf sich überraschen lassen. Gerade darin liegt etwas Befreiendes. Vielleicht nicht für jeden in jedem Moment, aber doch für viele. Weil dieser Spielraum in einem Alltag, der so oft nach Nutzen, Effizienz und Verfügbarkeit fragt, selten geworden ist. Malen schafft einen Ort, an dem der Mensch nicht nur leisten, reparieren oder dekorieren muss, sondern erkunden darf.

Und vielleicht ist das heute wichtiger, als wir lange geglaubt haben. Viele Menschen verbringen ihren Tag mit Tätigkeiten, deren Ergebnisse kaum greifbar sind. Sie organisieren, tippen, planen, reagieren, beantworten, halten zusammen, kümmern sich, springen ein, denken für andere mit. Das ist oft viel und oft wichtig, aber es hinterlässt nicht immer das Gefühl, wirklich etwas berührt, geformt oder verwandelt zu haben.
Malen schafft hier eine andere Erfahrung. Farbe hat Widerstand. Material ist nicht abstrakt. Eine Spur bleibt sichtbar. Eine Entscheidung wird körperlich erfahrbar. Nichts davon muss groß sein, um bedeutsam zu sein. Manchmal reicht schon das Mischen von Farben, damit innerlich etwas weicher wird. Manchmal reicht eine Fläche, die plötzlich Tiefe bekommt. Manchmal reicht das einfache Staunen darüber, dass etwas antwortet.
Deshalb ist Malen für mich keine Nebensache. Nicht ein hübscher Zusatz zum eigentlichen Leben, nicht bloß ein freundlicher Ausgleich, nicht nur ein hilfreiches Werkzeug für schwierige Zeiten. Es ist eine ernsthafte menschliche Praxis. Eine, die Leichtigkeit und Tiefe zugleich tragen kann. Eine, die weder über Macht und Markt noch über Hobby und Dekoration noch über Therapie und Reparatur erschöpft beschrieben ist. Eine, in der Erkenntnis entstehen kann, ohne geschniegelt auftreten zu müssen. Eine, in der der Mensch sich selbst nicht optimieren, sondern begegnen darf.
Vielleicht wäre schon viel gewonnen, wenn wir aufhören würden, Malen sofort in fremde Kategorien zu pressen. Oft braucht es dafür nicht einmal mehr andere. Die Maßstäbe sitzen längst in uns selbst. Noch bevor jemand fragt, ob es Kunst ist, ob es sich lohnt, ob es schön wird oder ob es etwas bringt, haben wir oft schon begonnen, das eigene Tun an genau diesen Fragen zu messen. Gerade darin zeigt sich, wie tief diese Bilder in uns wirken.
Was sich beim Malen zeigt, passt jedoch nicht immer in solche Raster. Es ist oft größer als diese Fragen und zugleich ganz einfach. Nicht immer laut. Nicht immer spektakulär. Nicht immer für andere sichtbar. Aber spürbar. Wirklich. Und vor allem: menschlich.
– Petra Thölken
Weiter im Atelier
Wenn du diesen Gedanken weiterverfolgen möchtest, findest du auf meinem YouTube-Kanal viele Einblicke in meinen Malprozess – nicht als starre Anleitung, sondern als Einladung, Farbe, Material und innere Bewegung im eigenen Tempo zu entdecken.
Und in meinem Buch „Frei und fließend malen“ geht es genau um diese Verbindung: um Lebenssituationen, Gefühle und innere Räume, die im Malprozess eine künstlerische Form finden. Und zwar nicht als fertige Lösung, sondern als Weg, dem eigenen Erleben auf der Leinwand zu begegnen.
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Man muss weder genial noch krank sein, um zu malen.
Man muss nur Mensch sein.

Dein Artikel hat mich wirklich berührt, liebe Petra. Er erinnert mich daran, wie gut es tut, einfach zu malen, ohne Ziel und ohne Druck.
Schon lange bin auch ich Sonntags dabei und es macht immer sehr viel Spaß!
Lg Heike
Liebe Petra, habe dies Essay schon am Samstag gelesen…. Du hast es, in diesem Text, auf den Punkt gebracht, wundervoll formuliert und sprichst mir aus dem Herzen 💕 💕💕
Hätte mir diese Text gerne ausgedruckt bzw. , online, mit ein oder zwei Herzensmenschen geteilt ….aber das geht leider nicht 😔
Nun werde ich eben den Link zu Deinem Blog + Denkraum empfehlen 😉 ….
Freue mich schon auf Dein neues Buch!!!
Ganz liebe Grüße aus dem Norden
Claudine
Liebe Petra,
Auch für mich ist Malen keine Nebensache.
Ich Male auch erst seit 2021, und wirkt als ein sehr Starkes Medicien für mein Stress niveau und beruhigt meine Nerven.
Auch deine Community am Sonntagmorgen ist wichtig für mich.
Danke liebe Petra für deine inspirirende Worte.
Liebe grüße,
Deinen Frits
Sehr schön formuliert, war , überzeugend. Danke liebe Petra . Ich bin jeden Sonntag um 9 Uhr dabei , schon seit paar Jahren. Bin jetzt 86 Jahre alt. Hab angefangen zu malen mit 75 als mein Leben sich geändert hat….
hatte schon 4 Ausstellungen. Male abstrakt und habe viel von dir gelernt. Danke liebe Petra
.mit viel Bewunderung und Respekt , Stella
Wow! Du sagst genau das was ich fühle und wofür ich nie eine Antwort gehabt hätte. Danke! Das muss ich jetzt mal sacken lassen. Berührt mich sehr.
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