Abstrakte Frauenfigur aus Papier auf Leinwand im Atelier von Künstlerstreich.

Kunst gehört in die Mitte – über Freiheit, Material und eigene Sprache

Kunst gehört in die Mitte

In meinem letzten Video ist eine Frauenfigur entstanden. Ihr Kleid besteht aus Papier. Ich habe es gefaltet, geformt, auf die Leinwand gebracht und mit Farbe weiterbearbeitet, bis aus einem flachen Stück Papier Volumen, Licht, Schatten und ein Faltenwurf entstanden sind.

Heute mache ich das ziemlich selbstverständlich. Dabei musste ich daran denken, wie anders ich mich diesem Thema früher genähert habe.

Schon als Kind habe ich Faltenwürfe gezeichnet und geübt. Ich konnte Stunden damit verbringen, genau hinzusehen: Wo liegt das Licht? Wo entsteht Schatten? Warum wirkt eine Falte tief, eine andere flach? Wie bekommt etwas, das auf dem Papier nur aus Linien und Hell-Dunkel-Flächen besteht, plötzlich Volumen?

Das war Übung, Beobachtung und natürlich auch Handwerk. Dieses Wissen ist heute nicht verschwunden, nur weil ich nicht mehr jede einzelne Falte zeichne oder male. Es steckt in meiner Arbeit. Ich benutze es heute nur anders.

Wie aus einem einfachen Stück Papier dieser plastische Faltenwurf entstanden ist, zeige ich im dazugehörigen Beitrag mit Material, Bildern und Malprozess. Zum Beitrag →

Heute nehme ich ein Stück Papier und lasse das Material selbst einen Teil dieser Aufgabe übernehmen. Ich forme die Falte tatsächlich, anstatt sie ausschließlich mit Licht und Schatten vorzutäuschen. Danach kann ich mit Farbe reagieren, Stellen hervorheben, zurücknehmen oder verändern.

Ist das einfacher? In gewisser Weise ja. Aber ist es deshalb weniger wert?

Genau diese Frage finde ich interessant. Denn dass ich heute Papier auf eine Leinwand bringen, daraus einen Faltenwurf bauen, Malerei und Relief miteinander verbinden und daraus eine Frauenfigur entwickeln kann, ohne anschließend mein Werk dafür im Atelier verstecken zu müssen, ist keineswegs selbstverständlich.

Diese Freiheit hat eine Geschichte.
Und wir profitieren davon jedes Mal, wenn wir uns heute erlauben, Kunst weiterzudenken.

Wer hat diesen Raum vor uns geöffnet?

Heute bringen wir Papier, Stoff, Fundstücke oder andere Materialien auf eine Leinwand, verbinden Malerei mit Relief und denken oft gar nicht mehr darüber nach, wie ungewöhnlich solche Entscheidungen einmal waren.

Und wenn ich mich mit dieser Geschichte beschäftige, fällt mir noch etwas auf: Die Namen, die einem zuerst begegnen, sind erstaunlich oft Männer.

Auch mir fallen spontan viel weniger Künstlerinnen ein. Schon darin steckt eine Geschichte. Frauen haben wesentlich dazu beigetragen, unsere Vorstellung davon zu erweitern, was Kunst sein kann, und mussten gleichzeitig darum kämpfen, dass ihre Arbeit überhaupt als professionelle Kunst wahrgenommen wurde.

Hannah Höch

Hannah Höch arbeitete schon früh mit ausgeschnittenen Fotografien, Papier, Drucksachen und Bildern aus den damaligen Massenmedien. Sie gehörte zu den Wegbereiterinnen der Fotomontage.

Bei ihr geht es damit um mehr als um ein neues Material. Es geht auch um die Frage, wer sichtbar sein durfte und wessen Arbeit überhaupt als Kunst ernst genommen wurde.

Anni Albers

Bei Anni Albers wird eine andere Grenze sichtbar. Sie entwickelte aus der Weberei eine eigenständige moderne Bildsprache. Material, Struktur und Oberfläche bekamen dadurch einen anderen Stellenwert, und textile Arbeit wurde weit über ihren bis dahin oft zugeschriebenen dekorativen oder angewandten Bereich hinausgedacht.

Eva Hesse

Eva Hesse arbeitete in den 1960er-Jahren mit Materialien wie Fiberglas und Polyesterharz. Industrielle Werkstoffe wurden Teil ihrer Kunst. Ihre Formen durften unregelmäßig bleiben, Materialien ihre eigenen Eigenschaften zeigen. Selbst Vergänglichkeit konnte Bestandteil eines Werkes sein.

Diese Künstlerinnen stehen für ganz unterschiedliche Wege. Was sie verbindet, ist die Bereitschaft, vorhandene Grenzen zu verschieben und dem eigenen Material, der eigenen Idee und der eigenen Haltung zu folgen.

Und von dort führt der Gedanke für mich wieder zurück ins Atelier.

Ich kenne diese Frauen nicht aus meinem eigenen Arbeitsweg heraus und habe meine Art zu arbeiten nicht von ihnen übernommen. Ich schöpfe aus meinem eigenen Sehen, meiner Erfahrung, meinem Materialverständnis und aus all den Jahren, in denen ich ausprobiert, verworfen und weiterentwickelt habe.

Ihre Beispiele zeigen trotzdem etwas Wichtiges:
Ich arbeite heute in einem Raum, der größer ist, weil andere vor uns Grenzen verschoben haben. Und als Frau kommt für mich eine weitere Ebene hinzu.

Ich kann heute ein Atelier führen, unter meinem eigenen Namen arbeiten, meine Kunst öffentlich zeigen, Bücher veröffentlichen, Wissen weitergeben und mit meiner künstlerischen Arbeit mein Unternehmen führen.

Diese Freiheit ist nicht mein Verdienst allein. Aber ich nutze sie. Und ich trage meinen Teil dazu bei, sie weiterzugeben.

Freiheit wächst im Tun

Künstlerische Freiheit entsteht für mich nicht nur aus dem, was man irgendwann gelernt hat. Sie wächst auch während der Arbeit.

Mit jeder Entscheidung sammelt man Erfahrung. Man sieht, wie eine Farbe reagiert, wie sich eine Fläche verändert, was ein Material mitmacht und wo Widerstand entsteht. Man verwirft etwas, beginnt neu, lässt etwas stehen und merkt mit der Zeit, welche Möglichkeiten man überhaupt hat.

Natürlich greife auch ich auf vieles zurück, das ich über Jahre gelernt und erprobt habe: Sehen, Zeichnen, Farben mischen, Materialien untersuchen, Hell und Dunkel, Fläche, Kontrast und Struktur.

Aber Erfahrung ist für mich nichts Abgeschlossenes. Sie entsteht weiter, jedes Mal, wenn ich arbeite.

Ich kann einen Faltenwurf stundenlang zeichnen oder ein Stück Papier so formen, dass das Licht die Falte tatsächlich erzeugt. Beides hat seinen Platz.

Freiheit wächst im Tun.
Je mehr ich ausprobiere, beobachte und entscheide, desto größer wird der Raum, in dem ich mich bewegen kann.

Genau dafür gibt es meine Videos

Mein YouTube-Kanal ist für mich ein öffentlicher Blick in den künstlerischen Prozess. Dort zeige ich, wie ich arbeite, wie Entscheidungen entstehen, wie sich Bilder verändern und wie oft ein Weg erst während des Tuns sichtbar wird.

Für mich ist der Weg oft wichtiger als das fertige Ergebnis. Denn unterwegs entstehen die Entscheidungen, die ein Bild überhaupt erst zu meinem Bild machen: Was bleibt? Was wird übermalt? Wo gehe ich weiter? Und wann ist ein Bild eigentlich fertig?

Genau diese Fragen gehören für mich zum künstlerischen Arbeiten. Ein fertiges Bild ist natürlich wichtig, aber es ist immer auch das Ergebnis all dessen, was vorher passiert ist: Beobachten, Verwerfen, Weitergehen, Zweifel, Erfahrung und Entscheidung.

Deshalb zeige ich in meinen Videos nicht nur ein Ergebnis. Ich zeige den Weg dorthin. Und genau dort kann jeder etwas für den eigenen Prozess mitnehmen.

Wann ist ein Bild eigentlich fertig?
Diese Frage begleitet viele beim abstrakten Malen. Genau darum geht es auch in meinem Kurs zum intuitiven Malprozess: weitergehen, entscheiden und den eigenen Blick entwickeln.

Zum Kurs „Intuitiver Malprozess – Weitergehen“ →

Dieses Video ist über YouTube eingebettet.

Frauenfigur aus Papier – den ganzen Malprozess ansehen

Im Video siehst du, wie Papier, Farbe und Struktur nach und nach zu der Frauenfigur werden.

Video ansehen →

Petra Thölken mit einem Kunstwerk im Atelier Künstlerstreich.

Kunst als Sprache

Der YouTube-Kanal ist ein Teil davon. Künstlerstreich verbindet diese Arbeit zu einem größeren Zusammenhang: Kunst wird sichtbar, erlebbar und bekommt einen Platz im Alltag.

Für mich ist Kunst eine Sprache. Sie kann etwas sichtbar machen, Fragen stellen, Erinnerungen wecken, verbinden, irritieren und Gedanken in Bewegung bringen. Manchmal entsteht etwas, für das wir vorher noch gar keine Worte hatten.

Genau dafür steht Künstlerstreich für mich: für einen selbstverständlichen Zugang zu Kunst, für eigenes Tun und für die Freiheit, eine eigene Sprache darin zu entwickeln.

Mein Ziel ist ziemlich klar:
Kunst soll so selbstverständlich in unserer Mitte stehen, dass wir ihren Wert kennen, ihre Möglichkeiten nutzen und ihr einen festen Platz in unserem Leben geben.

Und vielleicht wird genau das gerade wichtiger

Wir erleben gerade große Veränderungen. Künstliche Intelligenz kann Texte und Bilder erzeugen, automatisierte Systeme übernehmen Aufgaben, und Arbeitsweisen, die lange selbstverständlich waren, verändern sich in kurzer Zeit.

Mich interessiert dabei eine andere Frage: Wo erleben wir uns selbst noch als gestaltend? Wo entwickeln wir einen eigenen Blick? Was gibt uns Sinn, Orientierung und das Gefühl, etwas bewirken zu können?

Diese Fragen reichen weit über die Kunst hinaus. Unternehmen beschäftigen sich mit Kreativität und Veränderungsfähigkeit, kulturelle Einrichtungen suchen nach neuen Formen der Vermittlung, und gleichzeitig erleben viele Menschen Überforderung, Unsicherheit und eine Suche nach Orientierung.

Darüber möchte ich in einem eigenen Denkraum weiterdenken. Für heute interessiert mich etwas, das wir schon sehen können.

Was passiert, wenn Menschen Kunst tatsächlich als Sprache benutzen?

Wie sieht deine Freiheit aus?

Genau diese Frage habe ich unserer Community gestellt: Wie sieht deine Freiheit aus?

Es gab dafür kein festes Motiv und keine vorgegebene Technik. Mich interessierte die Antwort jedes Einzelnen.

Und die Antworten sind Bilder geworden.

Genau deshalb bedeutet mir diese Sammlung so viel. Hier wird sichtbar, was ich mit Kunst als Sprache meine. Eine einzige Frage geht hinaus und kommt in völlig unterschiedlichen Bildern zurück. Jeder Mensch bringt seine eigene Erfahrung, seine eigene Vorstellung und seinen eigenen Blick hinein.

Für mich ist diese Galerie auch ein kleines Zeitzeugnis. Sie zeigt, wie Menschen heute auf das Wort Freiheit reagieren, wenn sie ihre Antwort gestalten.

Die Community-Galerie: Wie sieht deine Freiheit aus?

Schau dir die unterschiedlichen Arbeiten an und entdecke, wie viele bildnerische Antworten aus einer einzigen Frage entstehen können.

Zur Community-Galerie →

Wenn du selbst weitergehen möchtest

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In meinen Büchern verbinde ich Techniken, Materialwissen und meine Erfahrung aus vielen Jahren künstlerischer Arbeit. Sie laden dazu ein, selbst auszuprobieren, weiterzudenken und einen eigenen Weg mit Farbe und Material zu finden.

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Und wie ist es bei dir?

Was bedeutet künstlerische Freiheit für dich? Gibt es etwas, das du lange für eine feste Regel gehalten hast und heute ganz anders siehst? Schreib mir deine Gedanken gern unter das Video auf YouTube.

Quellen und weiterführende Informationen:
Hannah Höch – Museum of Modern Art, New York
Anni Albers – The Metropolitan Museum of Art, New York
Eva Hesse – Museum of Modern Art, New York

Schön, dass du hier bist.
Alles Liebe und bleib bunt
Deine Petra


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