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Ein Material kann etwas in uns berühren, lange bevor wir wissen, was daraus entstehen soll.
Dieses orangefarbene Kunststoffnetz lag schon lange in meinem Atelier. Wahrscheinlich hatte es nur für kurze Zeit als Verpackung gedient. Seine eigentliche Aufgabe war längst erfüllt. Trotzdem wollte ich es nicht wegwerfen.
Mich interessierten seine Farbe, das offene Raster und diese eigensinnigen Wellen. Als ich es auf die Leinwand legte, wölbte es sich fast wie eine Schleife. Für einen Moment sah ich darin einen Vogel. Den wollte ich gar nicht malen. Also ließ ich die Form stehen, gab flüssige Acrylfarbe dazu und beobachtete, was das Material mit dem Bild machte.
So beginnt für mich häufig ein abstrakter Malprozess: mit etwas, das meine Aufmerksamkeit anzieht. Eine Oberfläche, eine Farbe oder eine Bewegung reicht. Während ich damit arbeite, verändert sich das Material und langsam entsteht etwas, das vorher noch keine Worte hatte.
Eine Bildidee muss am Anfang noch kein Bild sein.
Eine Oberfläche, eine Farbe oder eine Bewegung kann reichen.
Wenn ein Material den Anfang macht
In meiner künstlerischen Arbeit untersuche ich Materialien sehr genau. Ich möchte wissen, wie sie sich verhalten, welchen Widerstand sie haben und was sie mit einer Bildfläche machen. Diese Aufmerksamkeit ist für mich ein wichtiger Teil des intuitiven Malens.
Das Netz bringt bereits etwas mit: ein Raster, offene Zwischenräume, Wölbungen und Schatten. Es liegt nicht einfach flach auf der Leinwand. Farbe kann hindurchlaufen, sich darunter sammeln oder an den erhöhten Stellen hängen bleiben. Je nachdem, aus welcher Richtung ich das Bild betrachte, verändert sich seine Oberfläche.
Ich muss dem Material nicht sofort eine Bedeutung geben. Zuerst darf ich wahrnehmen, was bereits da ist. Darin liegt für mich eine Form von Achtsamkeit: genau hinsehen, berühren, reagieren und die nächste Entscheidung aus dem entstehen lassen, was tatsächlich geschieht.
Fragen für deinen eigenen Malprozess:
- Welche Oberfläche zieht deine Aufmerksamkeit an?
- Welche Spur bringt das Material bereits mit?
- Was geschieht, wenn Farbe darüber oder darunter läuft?
- Was verändert sich, wenn du das Bild drehst oder bewegst?
Wenn die Farbe ihren eigenen Weg nimmt
Im Video gieße ich verdünnte Acrylfarbe auf die Leinwand und bewege das Bild. Die Farbe läuft über das Netz, verschwindet darunter und taucht an einer anderen Stelle wieder auf. Die Struktur gibt ihr Wege vor, ohne sie vollständig zu kontrollieren.
Ich arbeite mit Wasser, Schwamm, Pappe und meinen Fingern. Jedes Werkzeug verändert meine Bewegung. Mit der Pappe schiebe ich Farbe über die Fläche. Der Schwamm nimmt sie auf und gibt sie weicher wieder ab. Mit den Fingern spüre ich unmittelbar, wie feucht die Oberfläche ist und wo sich Widerstand bildet.

Beim Malen verändert jede Handlung das Bild. Das Bild verändert daraufhin meine nächste Handlung.

Ein Fundstück bekommt eine neue Bedeutung
Netze tauchen seit vielen Jahren in meinen Arbeiten auf. Auch Rinde, Papier, Pappe, Erde, Asche und andere Fundstücke gehören zu meiner künstlerischen Forschung. Sie sind für mich mehr als ungewöhnliche Materialien. Jedes von ihnen bringt eine eigene Geschichte und ein eigenes Verhalten mit.
Rinde wächst, bricht und löst sich in Schichten. Papier faltet sich, reißt und saugt Flüssigkeit auf. Pappe kann selbst zur Struktur werden oder als Werkzeug Farbe über die Leinwand schieben. Ein Netz bringt Raster, Spannung und Durchlässigkeit mit.
Ausgerechnet dieses Kunststoffnetz zog meine Aufmerksamkeit an. Ich mag Kunststoff als Material nicht wirklich. Vielleicht beschäftigte es mich gerade deshalb: Es war nur kurze Zeit als Verpackung nützlich und wird uns dennoch sehr lange erhalten bleiben.
Im Kunstwerk bekommt dieses Fundstück eine neue Bedeutung. Seine frühere Funktion verschwindet, seine Geschichte bleibt Teil des Bildes.
Ich arbeite in diesem Bild auch mit Acrylfarbe. Damit stehe ich selbst mitten in diesem Widerspruch. Er beschäftigt mich seit Langem und gehört zu meinen Fragen über Wiederverwendung, natürliche Materialien und Alternativen zu herkömmlichen Farben und Bindemitteln.

Im Bild kann ich diesen Widerspruch sichtbar machen.
Ich muss ihn nicht auflösen. Ich kann ihm eine Form, eine Farbe und eine Oberfläche geben.
Wenn Material am Denken mitwirkt
Wer selbst malt, kennt vielleicht diesen Moment: Eine Bewegung bleibt sichtbar, eine Farbe kippt und plötzlich trägt eine Fläche eine Stimmung, die vorher noch nicht da war.
Vielleicht erinnert sie an etwas. Vielleicht löst sie eine körperliche Reaktion aus oder zieht den Blick immer wieder an. Wir müssen das nicht sofort erklären können. Beim Malen können Farbe, Struktur und Bewegung etwas ausdrücken, für das uns im ersten Moment die Worte fehlen.
Beim künstlerischen Arbeiten denke ich mit Farbe, Material und Bewegung. Ein innerer Eindruck bekommt eine Oberfläche. Ich kann ihn ansehen, berühren, verändern und aus einer anderen Richtung betrachten.
Dass unmittelbarer Ausdruck und die Erfahrung mit Material auch in der Kunsttherapie eine Rolle spielen, überrascht mich deshalb nicht. Meine eigene Arbeit ist künstlerische Begleitung: Ich öffne Räume für Wahrnehmung, Ausdruck und einen selbst geführten kreativen Prozess.
Genau hier wird Kunst für mich zur Sprache. Das Material illustriert keinen fertigen Gedanken. Es wirkt am Denken mit. Vielleicht zeigt sich eine neue Sichtweise. Vielleicht bleibt eine Frage offen. Auch sie kann ein starkes Bild tragen.

Beginne mit dem, was dich berührt
Wenn du mit einfachen Materialien abstrakt malen möchtest, schau dich einmal bei den Dingen um, die längst da sind. Ein Stück Papier, Pappe, Rinde oder ein Fundstück, das dich aus irgendeinem Grund nicht loslässt, kann einen Malprozess in Bewegung bringen.
Nimm das Material in die Hand. Dreh es um. Lege es auf eine Fläche. Gib Farbe dazu und beobachte genau, was sich verändert. Du brauchst noch keine fertige Aussage. Deine Aufmerksamkeit und deine nächste Entscheidung reichen für den Anfang.
Frei und fließend malen
In meinem Buch verbinde ich Technik, Materialien, Emotionen und Kunst als Sprache. Mit Rinde, Papier, Pappe und vielen weiteren Strukturen findest du Anregungen für deinen eigenen Ausdruck.
Intuitiver Malprozess
Im Onlinekurs begleite ich dich dabei, wahrzunehmen, zu reagieren, eigene Entscheidungen zu treffen und auch dann weiterzugehen, wenn sich dein Bild anders entwickelt als erwartet.
Sieh dir an, wie das Bild entsteht
Im Video kannst du den gesamten Prozess verfolgen: vom Auflegen des Netzes über die fließende Farbe bis zu den Entscheidungen, durch die das Material Teil des Bildes wird.
Schön, dass du hier bist.
Bunte Grüße,
Petra Thölken

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