Vom Festhalten und Loslassen – über Strukturen, Vertrauen und den Mut zur Veränderung
Ein Essay aus dem künstlerischen Denkraum
Das Netz, das einmal hielt
Manchmal liegt auf dem Tisch etwas, das seinen Zweck längst erfüllt hat. Ein Stück Netz, das Orangen getragen hat – es hielt, schützte, umschloss. Jetzt ist es überflüssig, bereit für den Müll. Und doch bleibt etwas an ihm hängen: die Form, die Erinnerung daran, wie es Dinge zusammenhielt. Ich lege es auf die Leinwand, nicht als Symbol, sondern als Material. Und während ich Farbe gieße, bemerke ich, wie sich das Netz verändert. Es hält nichts mehr fest. Es lässt durch. Es wird durchlässig.
Vielleicht ist genau das der Moment, in dem Loslassen beginnt: wenn etwas, das einmal Halt gab, nicht mehr gebraucht wird, aber dennoch Spuren hinterlässt. Wenn Struktur sich wandelt, weil Bewegung wichtiger wird als Ordnung.
Über Strukturen, Systeme und Vertrauen
Wir leben in Netzen – aus Erwartungen, aus Rollen, aus dem, was man uns beigebracht hat. Sie geben Sicherheit, Orientierung, aber auch Enge. Schon früh lernen wir, uns darin zu bewegen: angepasst, vorsichtig, funktional. Und oft merken wir erst später, dass diese Netze uns nicht nur schützen, sondern auch festhalten.
In der Kunst ist das nicht anders. Auch hier gibt es Regeln, Muster, Bewertungen. Doch jedes Mal, wenn Farbe über den Rand läuft, zeigt sie: Struktur muss nicht verschwinden, um sich zu verändern. Sie kann weich werden, offen, lebendig. Vertrauen beginnt dort, wo wir nicht mehr alles festhalten müssen.
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Loslassen als schöpferischer Akt
Vielleicht ist Loslassen kein Verlust, sondern eine Bewegung. Etwas löst sich – Farbe, Form, Gedanke – und findet seinen Platz neu. In diesem Prozess entsteht etwas, das wir nicht planen können: Vertrauen. Die Bereitschaft, nicht zu wissen, wohin die Farbe fließt. Das Netz bleibt sichtbar, aber es hat seine Funktion verändert. Es ist nicht mehr Werkzeug, sondern Erinnerung.
Vielleicht ist das der Mut zur Veränderung: das Alte nicht verwerfen, sondern verwandeln. Das Netz bleibt Teil des Bildes, aber das Bild gehört ihm nicht mehr. Es ist frei geworden – und wir mit ihm.
– Petra Thölken
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