Warum künstlerisches Tun für uns Menschen wichtig ist
Die UNESCO fordert, Kultur in der globalen Nachhaltigkeitsagenda nach 2030 als eigenständiges Ziel zu verankern. Für mich führt diese Forderung zu einer Frage, die mich als Künstlerin schon lange beschäftigt: Welchen Stellenwert geben wir dem künstlerischen Tun und welchen Raum geben wir Menschen, selbst daran teilzuhaben?
Wenn wir über Nachhaltigkeit sprechen, denken wir an Klima und Ressourcen, an Bildung, Gesundheit oder soziale Gerechtigkeit. Kunst und Kultur stehen vermutlich nicht an erster Stelle. Für mich ist die Verbindung trotzdem sehr naheliegend, denn Nachhaltigkeit stellt auch die Frage, was Menschen und Gesellschaften langfristig trägt und welche Voraussetzungen wir schaffen müssen, damit Entwicklung überhaupt möglich bleibt.
Genau deshalb finde ich bemerkenswert, was die UNESCO derzeit auf internationaler Ebene vorantreibt.
Kultur: das fehlende Nachhaltigkeitsziel
Der UNESCO-Weltbericht zur Kulturpolitik trägt den Titel „Culture: The Missing SDG“, Kultur: das fehlende Nachhaltigkeitsziel. Die 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen befassen sich mit zentralen gesellschaftlichen Aufgaben wie Armut, Gesundheit, Bildung, Gleichstellung und Klima. Ein eigenständiges Ziel für Kultur gibt es bislang nicht.
Die UNESCO wirbt schon seit Langem dafür, das zu ändern. Der aktuelle Weltbericht bündelt dafür erstmals umfassend Erkenntnisse aus mehr als 1.200 nationalen und lokalen Berichten aus den Jahren 2019 bis 2024. 93 Prozent der berichtenden Mitgliedstaaten erkennen Kultur inzwischen in ihren nationalen Nachhaltigkeitsplänen als wichtig an. Trotzdem fehlt ihr weiterhin die eigenständige Verankerung innerhalb der globalen Nachhaltigkeitsziele.
Für die Zeit nach 2030 fordert die UNESCO deshalb ein eigenes Kulturziel. Dahinter steht ein Gedanke, den ich besonders interessant finde: Kultur soll nicht nur danach bewertet werden, welchen Beitrag sie zu anderen gesellschaftlichen Zielen leisten kann. Ihr wird ein eigener Wert zugesprochen.
Das verändert die Perspektive.
Kultur kann gesellschaftlichen Zusammenhalt fördern, Bildung unterstützen und auch wirtschaftlich relevant sein. Aber sie muss ihre Berechtigung nicht erst dadurch beweisen. Ihr Wert hängt nicht allein davon ab, welchen Nutzen wir ihr zuschreiben können.
Und an dieser Stelle wird die internationale kulturpolitische Debatte für mich sehr persönlich.
Wo beginnt kulturelle Teilhabe?
Wenn wir von Kultur sprechen, denken wir schnell an Museen und Theater, an Konzerte, Literatur oder kulturelles Erbe. Wir denken also häufig zunächst an etwas, das bereits entstanden ist und zu dem Menschen Zugang bekommen sollen.
Doch kulturelle Teilhabe lässt sich auch von der anderen Seite betrachten: Welche Möglichkeiten haben Menschen, selbst kulturell und künstlerisch tätig zu werden?
Kultur entsteht schließlich nicht ausschließlich dort, wo ein Werk ausgestellt, aufgeführt oder veröffentlicht wird. Sie entsteht auch im Tun. Menschen beginnen zu malen, zu schreiben oder zu musizieren, probieren etwas aus und verwerfen es wieder. Irgendwann entsteht etwas Eigenes. Das kann im Atelier geschehen, aber genauso am Küchentisch, in einer Schule, in einem Kurs oder irgendwo dort, wo ein Mensch beginnt, selbst etwas zu gestalten.
Seit mehr als zwanzig Jahren erlebe ich in meiner Arbeit mit Künstlerstreich, dass der Zugang dazu häufig ganz praktisch beginnt. Menschen lernen Materialien und Techniken kennen und orientieren sich zunächst an dem, was andere ihnen zeigen. Irgendwann verändert sich etwas. Man schaut genauer hin, merkt, was einem selbst gefällt und was nicht, verwirft wieder und trifft eigene Entscheidungen. Daraus können Ausdrucksmöglichkeiten entstehen, die sich nicht mehr einfach aus einer Anleitung ergeben.
Genau dieser Übergang interessiert mich. Kulturelle Teilhabe bedeutet für mich deshalb mehr, als Zugang zu Kunst zu bekommen und sie betrachten zu können. Sie kann auch bedeuten, selbst eine künstlerische Sprache entwickeln zu dürfen.
Kunst als Sprache und als Raum
Der Gedanke, Kunst als Sprache zu betrachten, beschäftigt mich schon lange. Eine Sprache lebt schließlich auch nicht davon, dass einige wenige sie beherrschen und alle anderen zuhören. Wir hören sie zunächst, probieren selbst etwas aus und verstehen mit der Zeit immer mehr. Irgendwann beginnen wir, eigene Sätze zu bilden.
Beim künstlerischen Arbeiten erlebe ich etwas Ähnliches. Wissen über Farbe, Material und Bildaufbau ist wichtig und erweitert unsere Möglichkeiten. Aber irgendwann kommt der Punkt, an dem Wissen allein nicht weiterführt. Dann müssen wir selbst sehen, entscheiden und reagieren.
Damit öffnet Kunst einen Raum, in dem noch nicht alles festgelegt sein muss. Etwas entsteht und wir schauen darauf. Ist es das, wonach wir suchen? Wenn nicht, verändern wir es und gehen weiter. Genau darin beginnt für mich die eigene künstlerische Entscheidung. Das Ergebnis muss nicht schon feststehen, bevor wir überhaupt angefangen haben.
Darin liegt auch eine Form von Nachhaltigkeit, über die wir seltener sprechen.
Wenn wir fragen, was Menschen und Gesellschaften langfristig trägt, gehört für mich auch die Frage dazu, ob es Räume gibt, in denen Menschen wahrnehmen, sich ausdrücken und selbst etwas entstehen lassen können.
Kunst kann uns beschäftigen, irritieren, berühren oder verbinden. Selbstverständlich kann sie auch in therapeutischen Zusammenhängen eine wichtige Rolle spielen. Mich interessiert hier jedoch der viel grundsätzlichere Raum, den künstlerisches Tun für Menschen öffnen kann, ohne dass dafür eine Diagnose, ein bestimmtes Ziel oder ein messbarer Nutzen vorausgesetzt werden muss.
Kunst darf zunächst Kunst sein.
Räume öffnen
Aus dieser Auseinandersetzung ist auch mein Buch „Frei und fließend malen“ entstanden. Die inneren Räume darin sind unterschiedliche Zugänge zu Farbe, Wahrnehmung und Ausdruck. Es geht mir dabei nicht darum vorzugeben, was jemand in diesen Räumen finden soll. Ich kann Zugänge anbieten und Möglichkeiten zeigen. Was daraus entsteht und welche eigene Sprache jemand entwickelt, bleibt offen.
Für mich gehört genau das zur künstlerischen Teilhabe. Menschen erhalten Zugang zu Kunst und gleichzeitig die Möglichkeit, selbst etwas zu entdecken und einen eigenen Ausdruck zu entwickeln.
Damit komme ich wieder zur UNESCO zurück.
Was bedeutet ein Nachhaltigkeitsziel Kultur tatsächlich?
Der Weltbericht Culture: The Missing SDG betrachtet Kultur aus vielen Richtungen. Es geht um kulturelle Teilhabe und kulturelle Rechte, um Bildung und um die Bedingungen, unter denen Kunst und Kultur überhaupt entstehen können. Auch digitale Entwicklungen, Klima und der Schutz von Künstlerinnen, Künstlern und Kultur in Krisen spielen eine Rolle.
Es geht also keineswegs nur darum, Kultur politisch mit einem zusätzlichen Etikett zu versehen. Ein eigenständiges Nachhaltigkeitsziel soll Kultur sichtbarer machen und dafür sorgen, dass sie bei politischen Entscheidungen, Investitionen und der Frage nach kulturellen Rechten verbindlicher berücksichtigt wird.
Das ist ein wichtiger Schritt. Gleichzeitig beginnt für mich damit erst die eigentliche Diskussion. Denn wenn wir Kultur als Grundlage nachhaltiger Entwicklung anerkennen, müssen wir uns auch fragen, wie diese Anerkennung im wirklichen Leben aussieht. Wer hat Zugang zu künstlerischer Bildung und kulturellen Räumen? Wo können Menschen selbst gestalten? Haben Kinder und Erwachsene überhaupt die Möglichkeit, eine eigene künstlerische Sprache zu entwickeln? Und wie sieht es mit den Menschen aus, die Kunst zu ihrem Beruf und ihrer Lebensaufgabe gemacht haben?
Diese Fragen reichen weit über einen einzelnen UNESCO-Bericht hinaus.
Welchen Raum geben wir der Kunst?
Wir sollten Kultur deshalb wieder näher an den Menschen holen. Ihre gesellschaftliche Bedeutung beginnt für mich nicht erst dort, wo sich ein wirtschaftlicher oder sozialer Nutzen berechnen lässt. Kulturelle Teilhabe beginnt auch nicht erst in dem Moment, in dem jemand ein Museum betritt.
Sie kann viel früher beginnen, zum Beispiel in dem Moment, in dem jemand erlebt, dass die eigene Spur auf einem Papier etwas bedeutet und eine eigene Entscheidung ein Bild verändert. Das kann in einem Atelier geschehen oder an einem Küchentisch. Entscheidend ist, dass überhaupt ein Raum dafür vorhanden ist.
Genau deshalb interessiert mich die aktuelle Forderung nach einem eigenen Nachhaltigkeitsziel für Kultur.
Auf internationaler politischer Ebene wird damit eine Frage berührt, die mich in meiner Arbeit seit vielen Jahren beschäftigt: Welchen Raum geben wir Menschen für Kunst und welchen Raum kann Kunst wiederum für Menschen öffnen?
Am 4. November 2026 stellen die UNESCO-Kommissionen Deutschlands, Luxemburgs, Österreichs und der Schweiz den Weltbericht Culture: The Missing SDG im deutschsprachigen Raum vor und diskutieren darüber, welche Rolle Kultur in der globalen Nachhaltigkeitsagenda nach 2030 spielen soll.
Ich werde diese Diskussion weiterverfolgen. Denn wenn wir uns darauf verständigen, dass Kultur für eine nachhaltige Gesellschaft wesentlich ist, folgt daraus eine weitere Frage: Welche Bedingungen schaffen wir eigentlich für Kunst und für die Menschen, die sie entstehen lassen?
Darüber wird es hier im Denkraum weitergehen.
Weiterdenken im Denkraum
Was bedeutet es, wenn wir Kunst nicht nur betrachten, sondern als eigene Sprache verstehen? Im Denkraum „Kunst gehört in die Mitte“ geht es um künstlerische Freiheit, Material, eigenes Tun und darum, warum der Raum, in dem wir uns heute künstlerisch bewegen können, eine Geschichte hat.
Quellen und weiterführende Informationen:
UNESCO Global Report on Cultural Policies: Culture: The Missing SDG
Deutsche UNESCO-Kommission: Kultur als fehlendes Nachhaltigkeitsziel?
Schön, dass du hier bist.
Alles Liebe und bleib bunt
Deine Petra

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