Wenn du beim Malen festhängst und nicht weißt, wie es weitergehen soll, kann eine Rakel das Bild in wenigen Sekunden verändern.
Ein Zug mit dem Werkzeug über die Leinwand und die Fläche sieht anders aus. Farbe wird verschoben, eine ältere Schicht kommt wieder hervor, eine Kante entsteht. Dann beginnt für mich der interessante Teil: Was bleibt? Wo greife ich wieder ein?
Genau deshalb arbeite ich gern mit Rakeln, Fensterwischern und anderen Werkzeugen, die ursprünglich gar nicht für Malerei gedacht waren.
Was ist ein Rakel beim Abstrakten Malen?
Ein Rakel ist ein flaches, meist breites Werkzeug mit einer geraden Kante. Beim Malen wird Acrylfarbe damit über die Leinwand gezogen oder geschoben. Anders als mit einem Pinsel bearbeitest du damit oft eine größere Fläche in einer einzigen Bewegung.
Die Grundbewegung der Rakeltechnik ist einfach: Acrylfarbe auftragen, den Rakel aufsetzen und die Farbe über die Fläche ziehen oder schieben. Wie die Fläche danach aussieht, hängt unter anderem von Druck, Richtung, Farbmenge, Untergrund und den bereits vorhandenen Farbschichten ab.
Ob Fensterwischer, Pappe, Hände, Netz oder Rakel: Mich interessiert, was ein Werkzeug mit der Farbe macht und was daraus im Bild entsteht.
Rakeltechnik kann sehr unterschiedlich aussehen
Gerhard Richter ist für den Einsatz großer Rakeln in seiner abstrakten Malerei bekannt. Farbe wird über vorhandene Schichten gezogen, verdeckt, abgetragen und an anderen Stellen wieder freigelegt.
Jacqueline Humphries arbeitet ganz anders. In ihren Bildern finden sich unter anderem Schablonen, digitale Zeichen und stark bearbeitete Oberflächen. Für ihre Black Light Paintings arbeitet sie sogar mit fluoreszierenden Farben, die unter Schwarzlicht reagieren.
Mich interessiert daran, wie unterschiedlich Malerei entstehen kann. Es gibt nicht den einen richtigen Weg, ein Werkzeug einzusetzen.
Im Video kannst du mir bei diesem Prozess über die Schulter schauen. Du siehst, wie ich mit der Rakel über die große Leinwand gehe, was dabei entsteht und an welchen Stellen ich darauf reagieren muss.
Sonntags sehen wir uns im digitalen Atelier
Jeden Sonntag um 9 Uhr gibt es ein neues Video auf Künstlerstreich. Zur Premiere bin ich im Livechat dabei. Wir schauen gemeinsam, reden über das, was im Bild passiert, und oft entstehen daraus noch ganz andere Fragen als im fertigen Video.

Kann man einen Rakel selber machen?
Ja. Ein Rakel-Werkzeug muss nicht aus dem Künstlerbedarf kommen. Für eine einfache selbst gemachte Rakel reicht bereits ein Stück stabile Pappe. Auch Fensterwischer, Maurerkellen oder andere Werkzeuge mit einer breiten Kante können interessant sein.
Wenn du eine Rakel selber bauen möchtest, ist vor allem die Kante entscheidend. Je fester und gerader sie ist, desto anders lässt sich die Acrylfarbe über die Leinwand bewegen.
Pappe kann während des Malens weicher werden. Ein Fensterwischer gibt etwas nach. Eine feste Rakel schiebt die Farbe sehr direkt. Das Werkzeug verändert also auch das Bild.
Was passiert mit Acrylfarbe beim Rakeln?
Schon der Druck verändert viel. Manchmal schiebt die Rakel die Farbe als geschlossene Fläche vor sich her. Beim nächsten Zug bricht sie auf und eine ältere Schicht kommt wieder zum Vorschein.
Auch die Richtung verändert das Bild. Ein langer Zug kann eine Fläche zusammenfassen. Eine kurze Bewegung kann eine Kante setzen oder etwas unterbrechen. Wenn ich mehrmals über dieselbe Stelle gehe, verändert sich das Ergebnis erneut.
Genau diese Momente interessieren mich, weil ich sie nicht vollständig kontrollieren kann. Ich muss hinschauen und entscheiden, was ich damit mache.

Mit nassen Farbschichten arbeiten
Ich warte beim Malen nicht immer, bis jede Acrylschicht vollständig getrocknet ist. Wenn nasse Farbe über eine andere nasse Schicht gezogen wird, können sich die Farben direkt auf der Leinwand verändern.
Manchmal entsteht nur ein schmaler Übergang. Manchmal werden zwei Farben sehr stark miteinander vermischt. Und manchmal nehme ich mit der Rakel einen Teil der oberen Farbe wieder weg und darunter erscheint etwas, das vorher fast verschwunden war.
Das ist ein Punkt, an dem Erfahrung wichtig wird. Ich beobachte, wann die Mischung für das Bild interessant bleibt und wann ich besser aufhöre und die Fläche stehen lasse.
Rakeltechnik mit Fensterwischer
Die flexible Gummikante reagiert anders als ein starres Werkzeug. Mit Wasser und fließender Acrylfarbe entstehen dadurch ganz andere Bewegungen auf der Leinwand.
Artikel ansehen →Was tun, wenn du vor der weißen Leinwand festhängst?
Eine Rakel kann auch deshalb hilfreich sein, weil mit einer einzigen Bewegung sehr viel passiert. Die weiße Fläche ist weg. Es gibt plötzlich etwas, auf das ich reagieren kann.
Im ursprünglichen Video zu diesem Artikel arbeite ich außerdem mit Kohle auf der Leinwand. Auch das ist für mich eine Möglichkeit, eine makellose weiße Fläche zu unterbrechen. Sobald dort eine Linie, Farbe oder Form steht, habe ich etwas vor mir und kann entscheiden, was ich damit mache.
Warum ich Werkzeuge benutze, die nicht nach Kunst aussehen
Mich haben klassische Grenzen bei Material und Werkzeug nie besonders interessiert. Wenn ein Stück Pappe Farbe anders über die Leinwand bewegt als ein Pinsel, wird die Pappe für mich zum Werkzeug.
Dasselbe gilt für Fensterwischer, Netze, Hände, Papier, Erde, Sand, Asche oder Kaffee. Ich möchte wissen, was damit im Bild möglich wird.
Kunst kann mitten im Alltag beginnen, sobald wir genauer hinsehen und etwas damit machen.
Was passiert, wenn das Werkzeug die Malerei verändert?
Fensterwischer, Silikonpinsel und andere Alltagswerkzeuge erzeugen Bewegungen, die mit einem klassischen Pinsel kaum entstehen würden.
Weiterlesen →Untergrund und Oberfläche verändern die Rakeltechnik
Auf einer glatten Fläche gleitet eine Rakel anders als über grobe Leinwand, Strukturmasse oder einen bereits stark bearbeiteten Untergrund. Unebenheiten halten Farbe zurück. An anderen Stellen nimmt die Rakel Farbe wieder mit.
Deshalb interessiert mich Struktur auch beim Rakeln. Ein Zug, der auf einer glatten Leinwand fast geschlossen wäre, kann über einer rauen Fläche aufbrechen.
Wenn ein schöner Effekt noch kein fertiges Bild macht
Eine Stelle kann großartig aussehen und dem ganzen Bild trotzdem im Weg stehen. Genau dann wird die nächste Entscheidung interessant.
Wann ist ein Bild fertig? →Abstrakt malen und aus dem Kopf ins Tun kommen
Wenn ich mit einer großen Rakel über eine Leinwand gehe, kann ich nicht jede kleine Stelle vorher planen. Ich setze eine Bewegung und sehe anschließend, was sie ausgelöst hat.
Die Aufmerksamkeit liegt dann bei dem, was tatsächlich vor mir passiert. Ich sehe, reagiere, entscheide und gehe weiter.
Wenn aus einer Technik ein eigener Malprozess wird
Eine Rakeltechnik kann einen Anfang erleichtern und spannende Flächen erzeugen. Irgendwann reicht der Effekt allein aber nicht mehr. Dann kommen die Fragen, die mich als Künstlerin eigentlich interessieren.
Welche Fläche braucht das Bild? Was muss verschwinden? Wo fehlt etwas? Was lasse ich stehen? Genau dort beginnt aus einer Technik ein eigener Malprozess zu werden.
Weiter im Atelier
Wenn aus dem Ausprobieren mehr werden soll
Im Blog und auf YouTube findest du viele Techniken und Malprozesse zum freien Ausprobieren. Wenn du die Grundlagen der abstrakten Acrylmalerei zusammenhängend lernen möchtest, kannst du im Online-Grundkurs weitergehen.
Zum Online-GrundkursNächsten Sonntag wieder ins Atelier?
Jeden Sonntag um 9 Uhr erscheint ein neues Künstlerstreich-Video. Zur Premiere bin ich im Livechat dabei. Wenn du den Kanal abonnierst, findest du uns beim nächsten Mal schnell wieder.

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